Da ich mit Martin aus Prag um die Mittagszeit in Santiago mich verabredet hatte, lag es an mir, früh aufzubrechen. Punkt sieben war ich beim Frühstück und um dreiviertelacht abfahrtbereit. Um schneller voranzukommen, wählte ich die Hauptstraße.

Ein Blick in die Navigationsapp hatte mir gestern fast 900 Höhenmeter im einfachsten Fall prognostiziert – da müsste doch die Hauptstraße etwas angenehmer sein – dachte ich. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: schließlich werden es heute wieder über 1000. In Galizien gibt es einfach keine geraden Strecken; entweder man fährt bergauf oder bergab. Punkt.
Die kühle des Morgens lässt mich gutgestimmt lostreten. Wie eine Ameisenstraße bewegen sich die Pilger ortsauswärts – normalerweise bin ich nicht so früh unterwegs und hier auf die letzten Kilometern nimmt die Pilgerdichte erstaunlicherweise zu.

Ungefähr bei der Hälfte reisst mir das Gangseil der hinteren Schaltung: Misst! An der nahen Bar versuche ich es zu richten, jedoch lässt sich das neue Seil nicht korrekt am Schalthebel einfädeln – vielleicht ist der alte Nibbel noch festgesteckt.

Um keine Zeit zu verlieren, fixiere ich mit der Spannung des neuen Seils auf etwa den vierten Gang, ich hab ja noch die vordere Schaltung. Händewaschen, eine Kas (lokales Fanta-Substitut) und weiter geht’s. Pilgerstempel haben sie auch keinen. Die Zeit wird knapper, um Martin noch zu sehen, ich unterrichte ihn über meine Verspätung.Durch die fehlende Möglichkeit herunterzuschalten, trete ich die Berge jetzt mit höherer Geschwindigkeit hoch – auch eine Art, die Geschwindigkeit zu erhöhen. Auf meinem beliebtem Eurovelo 3 komme ich dann am Flughafen an, die Ausschilderung wird dürftig noch schnell an einer Herrberge den zweiten Stempel für heute ergattert nehme ich die alte Hauptstraße mit schlechtem Belag, anstatt mich im Nirwana zu verirrren. Bei der Einfahrt in die Stadt wähle ich den Fusspilgerweg,

obwohl verboten, trage mein Rad über Treppen an der Kathetrale und sehe letzendlich

Martin mit seinem selbstgebrannten Birnenschnapps auf mich warten, um auf die Gesundheit, den Erfolg der Pilgerreise und natürlich auch auf die deutsch-tschechische Freundschaft anzustoßen.

Wir verlegen unser Gelage in ein uriges Restaurant, wo wir unsere Erinnerungen an die Reise bei Pulpo und Rotwein

austauschen müssen und jeder für sich eine Art Resümee zieht.

Für Martin war es eine spirituelle Erfahrung, Gott näherzukommen neben dem sportliche Event – er hatte auch 20% elektrische Unterstützung dabei. Bei mir war es eine Mischung aus vielem: Raus aus der Mühle, die verschiedenen aufwühlenden Erlebnisse der letzten Zeit zu verarbeiten, der sportliche Aspekt und auch den Horizont zu erweitern, um sich neu zu kalibrieren für die nächste Lebensetappe.

Martin muss sich zum Flughafen verabschieden. Ich gehe zu meinem Hotel, das nur wenige hundert Meter entfernt ist. Es macht den Eindruck eines besseren Studentenwohnheims, außen steht auch Universidad de Medicina drauf, vielleicht hat es da mit einer über den Sommer anders genutzten studentischen Einrichtung zu tun, aber alles ganz professionell – „Lemonade, modern living“.
Ich dusche mich und wasche die schmutzigen Klamotten. Nächster Auftrag: die Pilgerurkunde.
Das Pilgerbüro ist eine höchstorganisierte Einrichtung: Daten selbst am Computer eingeben, Nummer ziehen, warten bis man an einen Bearbeitungsplatz zugeordnet wird, aber passiert alles innerhalb 5 Minuten.

Ich werde durch Zufall einer älterrn italienischen Dame zugeordnet, als ich dies mitbekomme, ist die Konversation gleich viel einfacher als in gegenseitig radebrechendem Spanisch. RAZZ-Fazz: schon halte ich sie in den Händen.

Die Pilgerurkundenoperatorin weisst mich auf die Deutsche Pilgergemeinde hin, deren Büro beim Weg sich zum Ausgang befindet.
Ich quatsche etwas mit Herrmann, der aus Trier dort Dienst tut über den Sommer.

Er macht mich drauf aufmerksam, dass um 18:00 eine deutschsprachige Kreuzgangführung der Kathedrale stattfindet, wozu er aufbrechen muss und ich gleich mitgehe.Die Führung hält Gudrun, nur für mich und Andreas, einem Justizvollzugsbeamten aus Bruchsal kurz vor der Pensionierung, der 4 Monate von dort zu Fuß hergelaufen ist.

Im Kreuzgang stehen auch die Kohlen für das berühmte Rauchfass, da wird nichts vorbereitet für die Abendpilgermesse, also verschiebe ich dessen Besuch auf morgen Mittag.

Nach kurzer Erholung mache ich mich auf zum Abendessen.
Fazit für heute: 71km, 1007 Höhenmeter. Ankommen nach 31 Tagen und mehr als 2900 km in Santiago bei tschechischem Birnenschnaps ist schön – das gibt alles der Itereo culturale Europeo her. Jakobus* als Apostel Europas?!


- mehr zu Jakobus im morgigen Blog

Gratuliere, Thomas!
Eine Leistung, auf die du Stolz sein kannst.
Nicht mal einen Rasttag hast du dir gegönnt.
Ich mach mir aber trotzdem keine Sorge, dass du zu sehr abgemagert bist:-)
Ich ziehe meinen Hut !
Congratulations!
Lieber Thomas, meinen höchsten Respekt zu dieser Leistung! Komm gut zurück, damit wir beim geplanten Herbst-Biergarten Deine Erlebnisse aus erster Hand erfahren können! Ich wünsche Dir eine gute Rückfahrt und eine erholsame Zeit mit Deiner Familie am Atlantik!
Hallo Uli, ich freue mich schon auf den Herbstbiergarten, und dir viel Erfolg beim Bezwingen des Mont Ventoux bis dahin!
Santiago also, nun ist‘s vollbracht,
hast die Pilgerreise hinter Dich gebracht!
Respekt! Respekt! kann ich da nur sagen,
wie hieß es bei uns FPLs so schön – plagen statt verzagen!
Im Restaurant kommt man zur Ruh‘,
und kommt man nun auch dazu,
bei spanischen Spezialitäten,
ein Resümee der Pilgerei zu tätigen…
Was treibt die Menschen eigentlich zur Pilgerei?
Die Frage ist nicht ganz einerlei,
und hat oft auch einschneidende Nachwirkungen,
zurück im Alltag – oder auf ganz neuen Wegen,
für manche öffnet sich ein neues Kapitel im Leben,
aber Thomas – da bin ich mir sicher – wird auch in Zukunft für AUMOVIO alles geben 🤣
Jetzt aber erst mal die Pilgerurkunde in Empfang genommen,
und damit auch mental am Ziel angekommen.
Anschließend stehen Kreuzgangführung und Abendessen an,
und ein entspannter Abend, an dem man die Pilgerzeit nochmals Revue passieren lassen kann!
Gratulation, Thomas!
Glückwunsch auch von mir! Toll, deine Geschichten zu lesen! Viele Grüße!