Für mich war der Tag ein ziemlich ungewöhnlicher: Ausschlafen bis fast um acht, Frühstück nach neun und kein Fahrradfahren!
Anschließend machte ich mich auf zur Kathedrale. Ich komme an der ältesten Pilgerherberge vorbei, die jetzt ein Parador ist, wozu mir Remy zum Übernachten geraten hatte, doch fast 300 € pro Nacht sprengt meinen mir gesetzten Budgetrahmen.

Schon am Eingang zur Kirche bildete sich um dreiviertel elf eine lange Schlange – viele Besucher wollten noch am Vormittag die Kirche vor der Pilgermesse um 12 besichtigen.

Andreas aus Bruchsal gab mir gestern den Tipp, so um halb elf reinzugehen und sich somit einen guten Platz zu sichern: sechste Reihe – und ich konnte den Proben dazu und dem Klang der imposanten Orgel lauschen.

Der Zugang zur Kirche ist kostenfrei, jedoch versucht man auch hier durch Bonusprogramme wie der Portico de la Gloria oder Museum Zusatzeinkommen zu generieren.
Wie kam es überhaupt zu dem ganzen: Santiago und dahin Pilgern zum Grab des heiligen Jakobus?

Die Geschichte des heiligen Jakobus und die Entstehung des Jakobswegs sind eng miteinander verflochten und verbinden biblische Überlieferung, mittelalterliche Legenden und die europäische Kulturgeschichte.
1. Jakobus (oft „der Ältere“ genannt, um ihn von einem anderen Jünger zu unterscheiden) war der Sohn des Zebedäus und der Bruder des Evangelisten Johannes. Er gehörte zum engsten Jüngerkreis Jesu und war unter anderem Zeuge der Verklärung auf dem Berg und der Todesangst im Garten Gethsemane. Er soll ein ziemlicher Heißsporn gewesen sein. Laut der Apostelgeschichte (Apg 12,1-2) wurde Jakobus im Jahr 44 n. Chr. in Jerusalem auf Befehl von König Herodes Agrippa I. mit dem Schwert enthauptet. Er ist damit der erste Märtyrer unter den Aposteln.
2. Historisch lässt sich nicht belegen, dass Jakobus jemals auf der Iberischen Halbinsel war. Die Legende besagtl, dass nach Christi Himmelfahrt Jakobus nach Spanien gereist sein soll, um dort das Evangelium zu verkünden, allerdings mit mäßigem Erfolg. Nach seinem Martyrium in Jerusalem sollen seine Jünger seinen Körper in ein bootförmiges, herrenloses Schiff gelegt haben. Auf wundersame Weise trieb das Schiff über das Mittelmeer und durch die Straße von Gibraltar an die Küste des heutigen Galicien. Dort wurden seine Gebeine an Land gebracht und im Landesinneren bestattet, woraufhin das Grab jahrhundertelang in Vergessenheit geriet.
3. Im frühen 9. Jahrhundert soll ein Eremit namens Pelayo ein helles Licht oder einen Sternenregen über einem Wald gesehen haben. Man grub an dieser Stelle nach und fand ein antikes Grab, das als das des Apostels Jakobus identifiziert wurde. Der Ort wurde daraufhin *Campus Stellae* (Sternenfeld) genannt, woraus sich der Name Santiago de Compostela entwickelte. Der damalige König Alfons II. von Asturien ließ über dem Grab eine Kapelle errichten und erklärte den Heiligen zum Schutzpatron. In einer Zeit, in der große Teile der Iberischen Halbinsel von den Mauren besetzt waren, gab der „Kult um den heiligen Jakobus“ den christlichen Königreichen Identität und Auftrieb. Jakobus wandelte sich in den Legenden sogar zum „Matamoros“ (Maurentöter), der die Christen in Schlachten anführte.
4. Nachdem das Grab entdeckt und bestätigt worden war, setzte ein Strom von Gläubigen ein. König Alfons II. war der erste dokumentierte Pilger, der von seinem Hof in Oviedo zum Grab reiste. Im Hochmittelalter erlebte die Pilgerfahrt ihren Boom. Aus ganz Europa machten sich Menschen zu Fuß auf den Weg nach Santiago de Compostela – motiviert durch Buße, das Versprechen von Sündenvergebung oder Frömmigkeit. Entlang der Hauptrouten bildeten sich ein dichtes Netz aus Herbergen, Klöstern, Hospitälern und Brücken heraus. Der Weg wurde zu einer Lebensader des kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs in Europa, was ihm später den Beinamen einbrachte, „Europa erbaut zu haben“.
Die Pilgerbewegung existiert bis heute: Die berühmte Jakobsmuschel, die Pilger heute noch als Erkennungszeichen tragen, leitet sich übrigens ebenfalls von der Legende ab – als Symbol für die Wunder und die Seereise des Leichnams des heiligen Jakobus an die galicische Küste.
Täglich finden Pilgermessen am Mittag und Abend in der Kathedrale statt, wo be einigen das Rauchfass ( „Butafumeiro“) durch die Kirche geschwenkt wird von 8 Trägern. Leider kam ich nicht in den Genuss des Weihrauchs. Angeblich hat eine hohe Spende eines Kreuzfahrtschiffes gestern zum Anzünden gereicht – meine bescheidenen Gaben in den Klingelbeutel haben anscheinend dazu nicht ausgereicht. Auch wenn ich meinen ganzen Geldbeutel geopfert hätte, wäre es noch nicht genug gewesen.

Nach der Messe gab es noch „gratis“ das Besichtigen der Reliquien des Heiligen Jakobus ( unter dem Hochaltar) und den Aufstieg zu seiner Figur mit Umarmung derer im Hochaltar, die auf dem vorherigen Bild zu sehen ist – nicht dokumentiert, da Fotoverbot.
Beim Herausgehen höre ich ein klassisches Orchester John Williams spielen. Ich denke was ist da los? Auf der anderen Seite ist eine Bühne aufgebaut, wo das Galizische Orchester für die nächsten Tage probt: es gibt Aufführungen zur Feier des Jakibusfestes am Samstag. Williams, Johann Strauss, dann machen sie Pause.

Auf der Treppe sitzt ein witziger Typ, er versteht mein Spanisch nicht, dann finde ich heraus , dass Johannes, 43, aus Österreich gerade den Jobwechsel genutzt hat für den portugiesischen Jakobsweg zu Fuß. Er hat Blasen an den Füßen und spart sich den Weg nach Finisterra. Wir erfreuen uns gemeinsam an dem Johann- Strauss-Stück und vergleichen etwas Pilgerwege und Fuss-Herbergspilgern versus Hotel-Fahrradpilgern. Ich verabschiede mich und mache mich auf zum Fahrradrichten.

Mein Rückweg führt über den Hauptplatz der Kathedrale. Ich sehe zwei Hongkongchinesen, die den Camino Frances sichtlich stolz mit ihren Pilgerurkunden dokumentieren. Sie bestätigen die Wichtgkeit ihres Glaubens für sie und beklagen die Überwachung in China. Wir diskutieren über Ratio und Glaube. Plötzlich sehe ich im Hintergrund eine Orange Person: ja es ist He, der buddhistischenMönch aus Leon.

Wir freuen uns riesig. Er ist auf abenteuerliche Weise bis nach Sarria mitgenommen worden und von da ab gelaufen. Er will sich auch eine Urkunde holen, aber zuerst mal in die Kirche ans Grab von Sankt Jakobus.
Eine spanische Radlerin von den Kanaren will auch noch ein Foto mit sich, dem Rad und der Kirche, aber dann zurück. Auf dem Weg sehe ich noch einen Santiago- Kaputzenpulli als Souvenir und eine Dokumentenrolle zum Verstauen der Pilgerurkunde, so aber jetzt ab zu Siesta – heute im Bett – und anschließendem Fahrradrichten.
Die KI bestätigt meine Vermutung eines zurückgeblieben Nibbels und erklärt mit die Schrauben und Handgriffe, den alten Nibbel zu entfernen.
SIe hat recht gehabt, nach mehreren Nachfragen nach den richtigen Schrauben zum Öffnen der Stelle finde ich das Corpus Delicti.


Da ich in meine Reparaturmeditation einsteige, reinige ich gleich noch die Kette, stelle die Schaltung ein. Mir fällt wieder das Buch von Robert Pirsig ein : „Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten“. Vielleicht kennt es ja mein Mönchsfreund. Er ist mittlerweile im selben Hotel, braucht aber nach der Anstengung einen ausgedehnten Schlaf. Wenn ich zuviel Zeit habe, schreibe ich vielleicht dann meine Version: „Zen als Kunst auf dem Seitenstreifen mit Fahrradreparatur.“ Oder ich benenne den Blog einfach um. Die Konzentration auf dem Seitenstreifen ist wichtig: zu weit links wird gefährlich, weil gegebenenfalls Schwerlastverkehr. Zu weit rechts kommt man von der Fahrbahn ab oder rumpelt über Gesteinsbrocken, die sich dort sammeln. Neben dem Abgrenzungsstreifen sind auf spanischen Straßen ungefähr 30 cm rechts davon Reflektoren in die Straße eingelassen. Die entsprechendes Holpern verursachen. Links und rechts davon tauchen vereinzelt Schrauben oder Auspuffteile, auch umgefallene Verkehrszeichen auf. Nicht zu vergessen sind die Löcher bei schlechten Straßen. Der Höhepunkt war eine Natter.

Mal schauen, was mein Mönch dazu meint zum Thema Konzentration und Achtsamkeit….
Am Abend breche ich auf zu einem Stadtspaziergang mit dem Wunsch, anschließend zu essen. Der Weg führte mich in den Park nebenan, vom Volksfest bis zur Ruheinsel mit wunderschönem Blick auf die Stadt.


Als ich zurückkehre Richtung Kathedralenplatz sehe ich, dass in Kürze um acht das Eröffnungskonzert der Jakobsfeierlichkeiten am kommenden Wochenende beginnt, in dessen Probe ich kurz heute Mittag hineinschnuppern durfte. Von Strauss, Puccini, Gunod, Arditi und viele anderen werden eindrucksvolle Musikstücke präsentiert, die meisten im Dreivierteltakt.

Auf dem Rückweg mache ich noch schnell bei mir um die Ecke halt im O Patron. Ich wähle das Menü del especial mit calda gallega (Gemüsesuppe mit Kraut)

und Lubina alla plancha (Wolfsbarsch).

Fazit für heute: 0 km mit dem Rad, 0 Höhenmeter, zumindest durfte ich es richten. Ganz ohne Fahrrad geht dann doch nicht, auf die Höhenmeter hab ich heut gerne verzichtet. Wieder tausend Zufälle beim Erreichen des zweiten Pilgerziels.
„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,den schickt er in die weite Welt,dem will er seine Wunder weisenin Berg und Wald und Strom und Feld.“
Ausschlafen bis fast um acht!
Frühstück auch noch ans Bett gebracht?
Ich dachte ich hörte was von Pilgerei!?
Hab mich wohl verhört, hieß wohl – Faulenzerei! 😂😂
Naja, egal, auf zum Flanieren,
um die Highlights zu inspizieren,
auf den Spuren von Jakobus, dem Heißsporn,
oder anderen Gebeinen, wer weiß das schon.
Ist ja nicht wichtig, solange der Pilgerstrom nicht stockt,
und Kunden für das Business anlockt,
noch etwas der Musik gelauscht,
dann aber schnell abgerauscht,
und sich dem Drahtesel zugewandt,
der war schon etwas abgespannt 🤣.
Wurde ihm ja viel zugemutet in den letzten Wochen,
ihm stecken die Höhenmeter noch in den Knochen,
äh – ich meine – im Gestell,
mit der KI geht die Reparatur ganz schnell!
Bald macht die KI alles ganz allein,
pilgern, Rad reparieren, und Blogeinträge schreib‘n! 🤣🤣