Sa.. Sep. 12th, 2026

Manche gehen oder fahren den Jakobsweg ausschließlich aus religiösem Antrieb zu den Gebeinen des Apostels Jakobus.

Äußerlich könnte man meinen, die religiöse Konzentration wäre in den großen Kathedralen. Während der Fußweg stark über Entschleunigung und Stille wirkt, entfaltet das Radfahren seine spirituelle Dimension durch Bewegung,

Für mich waren die spirituellsten Orte die kleinen Kirchen am Wegesrand, so wie in der Nähe des Bodensees am ersten Anstieg, oder die kleine Kappelle nach dem langen Anstieg von Rapperswill Richtung Maria Einsiedel, vielleicht auch die Kapelle kurz vor dem Brüning-Pass.

An den kleinen unscheinbaren Orten hielt ich Einkehr, meist die Ruhe nach körperlicher Erschöpfung suchend.

Wie ich von meinem buddhistischen Freund He gelernt habe, ist das Jakobspilgern keine reine katholischen Angelegenheit. Auch er hat sich auf den Weg gemacht dorthin als Mönch einer anderen Religion. Ich denke, Neugier war auch ein großer Antrieb für ihn. Im Buddhismus sind Meditation und Karma die Zugangspunkte zum Nirwana.

Offiziell geht die Pilgerfahrt nach Santiago, aber eigentlich versucht man sich selbst und Gott zu finden. Wie gelingt dies dem Radfahrer?

Er fokusiert sich auf die Straße, da durch die Geschwindigkeit im Vergleich zum Fußpilger mehr Gefahren lauern. Die Trittfrequenz wirkt wie ein ständiges Mantra, jedoch erreicht sie nicht den Takt wie beim sportlichen Rennradfahren. Dadurch erlebt er die Distanz und die Weite anders und der Bezug zur Transzendenz stellt sich in Bewegung und Geschwindigkeit ein, wobei schöne Strecken den Radpilger in eine Art Flow versetzen können. Den Hauptkampf habe ich mit der Schwerkraft beim Bezwingen der Steigungen und dem Verkraften der Hitze ausgetragen, wo ich mich dann gerne in kleine Kirchlein zu Ruhe und Kühle verzog.

Die größten Prüfungen für mich hatte Denis unabsichtlich im Zentralmassiv mit den Schotterstrecken eingeplant, die mich und das Material an den Rand der Verzweiflung brachten.

Das Fahrrad wird auf dem Weg zum technischen Gefährten, der Pflege braucht und Reparatur bei technischen Pannen.

Auch folgt der Radpilger nicht einfach DEM WEG, wie er für Fußpilger relativ klar vorgegeben ist, sondern stellt sich im Straßennetz die Route selbst zusammen; der kleinere Teil war ausgeschildert, man wusste aber nie für welchen Radtyp. Übersetzt heisst dies: der Weg ist nicht vorgegeben, Orientierung gibt man sich selber, um den eigenen Weg zu finden.

Durch das Radpilgern lässt man viele Sachen los. Jedes Pilgerziel „kostete“ etwas – die Tour de France mein altes Arbertrickot, das ich dort weg warf, beim Erreichen von Santiago verlor ich meine schönen Fahrradhandschuhe, die ich zum Trocknen an den Taschen befestigt hatte, und beim Ziel der Sonnenfinsternis folgte ich dem Rat meiner Radlfreunde, die grenzwertig sozial akzeptable Radhose aufgrund Überbeanspruchung zu entsorgen.

Am meisten an Verlust von physischen Gegenständen schmerzten mich die Schuhe mit den neuen Einlagen, die ich in der Schweiz verlor. Alles sind Symbole für die Verluste im Leben an geliebten Menschen oder auch Freundschaften.

Letzendlich pilgert man, um sich selbst zu finden. Die Reise ist mit Erreichen des Pilgerziels nicht zu Ende, sondern dauert das ganze Leben weiter.

Von admin

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