Ich habe mir von der Fränkischen Jakobusbruderschaft einen Pilgerausweis bestellt, der auch prompt gekommen ist. Sie bitten nur um eine Spende, sodass sie diesen Service aufrecht erhalten können.


Bei einer kleinen Radltour im Stiftland Anfang Mai bin ich an der Kirche in Marchaney vorbeigekommen, der Ausgangspunkt für jeden Pilger aus dem Stiftland.


In meinen Kindertagen war die Wallfahrt auf den Steinberg zum Bergfest am zweiten Juliwochenende jährlicher Bestandteil im Kalender. Die Bärnauer hatten nach dem Stadtbrand 1685 versprochen, nach Heiligen bei Tachau zu pilgern. Der Österreichische Kaiser verbot grenzüberschreitende Wallfahrten Ende des 18. Jahrhunderts, weshalb diese dann kurzerhand zur Kirche des Gegeißelten Heilands auf den Steinberg verlegt wurde.

Diese Kirche hatten sich meine Frau und ich auch dann als Hochzeitskirche ausgesucht. Durch eine Buchenallee, die einen Kreuzweg säumt, konnten wir als Hochzeitsgesellschaft den Weg „hinaufpilgern“.

Warum pilgern Menschen? Wer ist ein Pilgersmann oder eine Pilgersfrau? Die Definition sagt, es sind Menschen, die aus Glaubensgründen einen Ort in der Ferne aufsuchen. Was ist ihre Motivation?
- Ein Sehnsuchtsziel sehen
- Dem Alltag entfliehen
- Sich selber finden
- Sinn finden
- Eine Krise bewältigen
- Eine Entscheidung herbeiführen
- In die Ferne schweifen
- Einen neuen Lebensabschnitt beginnen
- …
Im Mittelalter pilgerten Menschen, um von ihren Sünden loszukommen um auf die richtige Seite im Jenseits zu kommen. Hauptorte waren Rom, Jerusalem, Santiago de Compostella.
In allen Weltreligionen unternehmen Gläubige physische Reisen zu heiligen Stätten, um Buße zu tun, göttlichen Segen zu erbitten oder innere Einkehr zu finden.Auch jeder Muslime ist angehalten, einmal im Leben eine Wallfahrt nach Mekka zu unternehmen- die Haddsch. Im Buddismus dienen Pilgerreisen dazu, dem Leben und Wirken von Siddhartha Gautama (Buddha) nahezukommen. Die vier wichtigsten Stätten liegen in Indien und Nepal: Lumbini (Geburt), Bodhgaya (Erleuchtung), Sarnath (erste Lehrrede) und Kushinagar (Eintritt ins Nirwana). Im Hinduismus suchen Gläubige heilige Orte auf, um Befreiung (Moksha) zu erlangen und Karma abzubauen. Ziele sind oft heilige Flüsse (vor allem der Ganges) oder Städte wie Varanasi (Benares), die als Wohnort der Götter gelten.Die Juden machten sich zum Tempelberg und zur Klagemauer in Jerusalem auf.
Dante Alighieri beschreibt in der Göttlichen Komödie die Vorstellung im ausgehenden Mittelalter/ beginnender Neuzeit von Himmel, Hölle und Fegefeuer. Wir lesen diese Texte seit etwa einem Jahr in unserem Italiensichkurs bei Roberto Manzotta. Dante erzählt, wie er verschiedenste Zeitgenossen in der Hölle bei seiner temporären Reise ins Jenseits antrifft, deren Verhalten sich zu Lebzeiten über Maßen Verbrechen und Verfehlungen begangen haben. Ich hab mich mittlerweile zum Experten für Höllenbilder vorgearbeitet. Eines davon habe ich in der Kirche in Stein im Landkreis Tirschenreuth gefunden.
Das berühmte Höllenbild in der Kirche St. Laurentius in Stein stammt von dem ostpreußischen Maler Oskar Tytlik. Er schuf das expressionistische Gemälde des Jüngsten Gerichts im Jahr 1947. Er war auf der Flucht aus Ostpreußen in dem kleinen Dorf gestrandet und verdingte sich mit dem Restaurieren der Kirche bzw. der Neudarstellung von Himmel und Hölle.
Darin verarbeitet er die Schrecken des Zweiten Weltkrieges: Hitler, Himmler, Göring und Stalin finden ihren Platz in der Hölle. Der Maler taucht darin selbst auf, als auch ein angebetetes Mädchen aus dem Dorf, die er im Himmel plaziert – ihre Kinder erkennen darin noch die Mutter wieder – so hat es mir der Messner der Kirche erzählt. Wir hatten im Italienischkurs schon diskutiert, wer aufgrund der heutigen politischen Lage in die Hölle platziert werden sollte – verschiedene geopolitische Akteuere und Kriegstreiber wären ja auf der Welt vorhanden – vielleicht müsste ich sie ja dann aber treffen auf der Wallfahrt nach Santiago, wenn sie um die Vergebung ihrer Sünden bäten – dass sie zu dieser Einsicht kämen und auch genügend Angst vor Konsequenzen für ihre Verbrechen hätten, ist aber sehr unwahrscheinlich.

Gestern sind mehr als 2000 Pilger an mir vorbeigezogen auf dem Weg nach Altötting.
Altötting ist der berühmteste Marienwallfahrtsort Deutschlands. Der Status als Pilgerzentrum geht maßgeblich auf das Jahr 1489 zurück, als die wundersame Rettung eines ertrunkenen Kindes die Wallfahrt begründete. Die Anziehungskraft beruht auf historischen, spirituellen und kulturellen Kernfaktoren:
- Das Wunder von 1489: Ein dreijähriger Knabe fiel in den Mörnbach und wurde für tot gehalten. Nachdem die verzweifelte Mutter zur Muttergottes betete, soll das Kind lebend wieder aufgetaucht sein.
- Die „Schwarze Madonna“: Das spirituelle Zentrum ist die Gnadenkapelle auf dem Kapellplatz, die eine jahrhundertealte, durch Kerzenruß geschwärzte Marienstatue beherbergt.
- Bayerisches Nationalheiligtum: Über Jahrhunderte förderten die Wittelsbacher Herzöge und Könige den Ort. Bedeutende Herrscher ließen ihre Herzen dort bestatten.
- Moderne Bedeutung: Papst Benedikt XVI. bezeichnete den Ort als das „Herz Bayerns“. Auch in der heutigen Zeit lockt das „Herz Europas“ jährlich Hunderttausende Pilger an, die auf der Suche nach Heilung und geistlicher Erneuerung sind.

Ich fahre nächste Woche nach Rom – die Fahrt der Pfarrgemeinde unter Leitung des Kirchenpflegers Robert Lerchenberger ist als „Pilgerreise“ angekündigt. Vielleicht wird mir dann klar, was meine Motivation ist, außer die Sehnsucht nach der Ferne 😉
